Freitag, November 22

Die Bandcamp-Punks Vol.15


Blank When Zero:

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Als ich den ersten Song der "Konsumrauschen"-CD hörte, dachte ich noch, ich hätte es hier mit einer Comedy-Punk-Truppe á la Mädels No Mädels zu tun. Zum Glück hielt sich mein erster Eindruck nicht lange über Wasser, denn darauf folgten Songs, die sich Hardcore und Punk gleichermaßen einverleibten und mit leichtem Schräghang dann doch eher Richtung Amen 81 steuerten. Vor allem wenn sich zu dem angestrengten Gesang frenetische Chöre gesellen, haben Blank When Zero durchaus ihre melodischen Momente, die allerdings an einer kurzen Leine gehalten werden. Mit Geradlinigkeit und einfachen Strukturen scheint sich das Trio sowieso nicht zufrieden zu geben, und so zieht ihre Vertracktheit und Rifflastigkeit sie immer wieder zurück zu ihren Wurzeln - nämlich Hardcore-Punk. An manchen Stellen ist das leider schon etwas schade, denn gerade wenn man sich in wohlfühlenden Melodic-Punk wähnt, kommt es urplötzlich zum Break. Dass muss der Band natürlich nicht unbedingt negativ ausgelegt werden, denn das Grundwissen um beide Varianten - die des Melodic- und Hardcore-Punk - haben sie mindestens solide verinnericht. Apropos kurze Leine. Ihr diesjährig erschienenes (eigentliches) zweites Album zählt acht Songs, für die es nicht mehr als zwölf Minuten Aufmerksamkeit des Hörers bedarf. "Einerseits..." ist im Gegensatz zu den vorherigen Releases zwar nicht kostenlos, über Bandcamp aber dennoch für eine geringe Spende erhältlich ist, die direkt in die leeren Sammelbecher der Öko-Schützlinge Sea Shepherd Conservation Society wandert. Darüber hinaus erscheint "Einerseits..." auch auf schickem hellblauem Vinyl.


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Be!Tiger:

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Der Mittlere Westen ist nur zwei Luftlöcher von uns entfernt, das kultträchtige Städtchen Gainesville sogar nur eins. So zumindest, wenn es nach den Münsteranern von Western Grace (mittlerweile umbenannt in Rowan Oak) geht, oder auch den früheren Jupiter Jones, bevor diese im kitschigen Indie-Schleim versanken. Mit rauhem Emo-Punk im Gepäck, versprühten beide Bands nostalgischen Midwest-Flair in jedem noch so kleinen Kellerloch, der sich nun anscheinend auch etwas auf den Punkrock des Aachener Trios Be!Tiger abgesetzt hat. Zu verdanken haben sie es vor allem ihrem Sänger, der sich zum Frühstück zwar nicht unbedingt puren Whiskey hinterhauen muss, aber zumindest einen Irish Coffee und eine halbe Zigarette in greifbarer Nähe hat. Mit dem viel zitierten Post-Hardcore von Hot Water Music hat ihre Musik dennoch nicht all zu viel am Hut, denn dafür sind die Gitarren zu spielfreudig, manchmal gar melancholisch, generell aber viel zu froh gestimmt, während die Texte nicht emotionaler sind, als der Punkrock von seiner Natur aus zulässt. Gegen eine frei wählbare Spende kann man sich ihre Debüt-EP "Rufio" downloaden, die sich leider in einer etwas bescheidenen Tonqualität präsentiert, da live aufgenommen. Im Rahmen eines Demos aber sicherlich noch vertretbar. Anscheinend existiert dazu auch eine limitierte und selbstveröffentlichte Stückzahl an Tapes. Ob diese schon fertig oder noch verfügbar sind, hinterfragt ihr am besten selbst über Facebook.



Bijou Igitt:

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Nach ihrem kurzen Screamo/Post-Hardcore-Intermezzo mit Torpedo Holiday, zieht es Tobi und Hannes mit ihrer neuen Band Bijou Igitt nun wieder Richtung Punk. So richtigen Punk, mit Attitüde und Freischnauze voraus. Bewaffnet mit Dada, Hohn, Spott und Klageliedern gegen die verkopfte Gesellschaft. Aber das kann man dem anagrammierten Bandnamen vorab ja eigentlich schon ablesen. Das Hamburger Trio hält den Kleinkarierten und der unteren Oberschicht ihre kleine Welt vor Augen, in der alles aus den Fugen gerät, sollte sich doch mal eine Veränderung einschleichen. Alles, was nicht ihrem Ideal entspricht, wird mit einer hochgezogenen, zusammengewachsenen Augenbraue geäugelt. Der Stock, auf dem man sich versehentlich setzte, sorgt immerhin für eine gerade Haltung. Von oben lässt es sich sowieso besser herabschauen. Musikalisch orientiert sich das Ganze an ihre früheren einkaufenEinkaufen-Tage, etwas nervös, vertrackt, wobei der Sprechgesang eher in Richtung Florian Prühs und dessen Bands Herpes und Ecke Schönhauser lenkt. Nur fahren Bijou Igitt dabei etwas mehr aus der Haut. Fünf (Demo-)Songs gibt's kostenlos und hoffentlich bald auf Tape. Tobi übrigens, war zwischenzeitlich bei der Kieler Screamoband Chuck Bass zu Gast, mit der er drei Songs einspielte. Einer davon wird auf dem 100kiloherz-Sampler erscheinen, mit dem sich das Label mit der Organisation ATME solidarisiert.



Sommerregen:

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Leider komme ich mit dieser Band einige Jahre zu spät, um sie euch für die Zukunft anzupreisen, denn das Trio aus der Wiener Neustadt löste sich 2011 nach sechsjährigem Bestehen auf. Immerhin hinterließen die Ösis doch noch ihr Debüt- und auch einziges Album "Metaphorik", dass nach Angaben der Band am Ende und aufgrund diverser Umstände wie Line-Up-Wechsel und stetige Weiterentwicklung, anders ausgefallen ist als ursprünglich gedacht. Die Band fand 2005 zusammen, mit der Intension, leicht ins Ohr huschenden Indie-Pop zu spielen. Sommerregen halt. Nur machen es einem die Jungs dann doch nicht so leicht, sie mit diesem halbherzigen Klischee abzuspeisen. Es ist schon verblüffend, wozu die drei allein mit der Grundinstrumentierung aus Gitarre, Bass und Schlagzeug in der Lage sind anzustellen. "Aufbauen und abhauen" kommt mit schwungvollem Emopunk aus den Startlöchern und wechselt mehrmals die Richtung. Das folgende "Mit beiden Beinen" offenbart dann allerdings schon die größte Schwäche der Band, nämlich der glasklare Gesang, der vor allem in seinen melancholischsten Momenten eben doch das Negativklischee bedient. Und genau an dieser Stelle beißt sich die Katze in den Schwanz. Frecher Indie-Punk, der Muff Potter in den Anfangsjahren noch so aufregend und toll machte; vertrackte Rhythmen, die aber nicht Mathrock sein wollen; harte Riffs, die erst kurz vor dem Metal halt machen. Dass sie ihr Album in Hamburg eingespielt haben, ist gewissermaßen auch nicht zu überhören. "Metaphorik" ist natürlich trotzdem ein sympathisches, vielfältiges Album. Es wäre halt nur noch toller geworden, hätte sich der besungene Dreck auch in der Stimme wiedergefunden.





The Jim Tablowski Experience:

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Im letzten Jahr bekam das Kultlabel Spastic Fantastic Nachwuchs aus den eigenen Reihen, indem sich die drei Kerle von The Jim Tablowski Experience aus den Rippen der Labelsprosse Die Eule im Bart des Judas und NxD schnitten. Und während man sich gerade mit dem namensgebenden Trash des Kamener Labels angefreundet oder diesen zumindest akzeptiert hat, holt dieses zum nächsten Paukenschlag aus, diesmal allerdings in eine vollkommen andere Richtung. Kein Trash. Keine spastischen Anfälle. Dafür fantastischer Garage mit Pop-Punk-Affinität, der tatsächlich um Ordnung und tollen Melodien bemüht ist. Allein der teils überstrapazierte und kratzige Gesang entlarvt den anschmiegsamen Schmusekater als wilde Raubkatze. Willycranes ohne Country und der Schweinerock der Spitts kommen einen dabei in den Sinn. Und wann konnte man schon jemals zuvor derartige Referenzen einer Spastic-Fantastic-Bande anhängen? Da wird die Auswahl wohl eng werden. Nach einem Demotape im letzten Jahr folgte Anfang 2013 eine selbstbetitelte 7" mit acht neuen Songs. Auf Clear-Vinyl und zu finden im Fantastic-Shop.


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One Trillion Dreams & 2nd Wind:

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Ohne grenzenlos zur Verfügung stehende Mittel hat man es als DIY-Band hierzu- lande nicht gerade einfach. Viele scheitern bereits auf der Suche nach festem Boden, der dem Standbein Stabilität verschaffen soll und ohne Beziehungen läuft sowieso nichts. War man zu alle dem auch noch zu spät am Bahnhof und hat somit den Zug in die Metropole verpasst, bleiben einer Band als Austragungsorte ihrer Musik meist nur die lokalen Kneipen, wo sich jeden Abend die selben Gesichter der zweiten und dritten Fußballmännermannschaft des jeweiligen Dorfclubs gegenüber sitzen. Es mag Bands geben, denen dieses Publikum ausreicht. Was aber ist mit denen, die mit ihrer Musik etwas verändern oder zumindest auf Missstände aufmerksam machen wollen? Wie läuft das in verhältnismäßig armen Ländern ab? Bei unseren Nachbarn in Polen arrangiert man sich gegenseitig und unterhält so eine autonome bis radikale Untergrundszene, deren Gesichter auch hierzulande keine Unbekannten (egal ob musikalisch oder auf der Straße) mehr sind. Egal ob ganze Organisationen, Fanzines, Labels (z.B. Antyfaszystowska Warzawa, Pracownicza Demokracja, Piataesencja, Pasazer Records) oder eben Musikgruppen, zu denen auch die Emo-Punks Astrid Lindgren und die Post-Hardcore-Combo Brooks Was Here zählen, lassen das Netzwerk innerhalb und über die Landesgrenzen hinaus stetig anwachsen. Aus diesem Netzwerk lose heraus gegriffen sind die beiden oben genannten Bands One Trillion Dreams und 2nd Wind. Beide verbindet eine ähnlich unmissverständliche Attitüde, die sich lediglich im Ausdruck etwas differenziert. Das Quartett One Trillion Dreams aus Poznan/Lubon existiert bereits seit 2009 und veröffentlichte vor kurzem eine neue Drei-Song-EP. "Jeden Trylion Snów" hört man die Affinität zum Pop-Punk durchaus an. Allerdings leiten die zwar melodischen, dennoch zäh rollenden Gitarren und der ernste Gesang ihre Musik eher auf die Schiene des Melodic-Punks ab. Der letzte Song "Ostatni" offenbart gar etwas Hardcore-Punk und einen akustischen Hidden Track. Hardcore-Punk auf den Punkt gespielt, heißt es dann aber erst bei der Poznaner Band 2nd Wind. Die spielen ähnlich kompromisslos wie ihre städtischen Kollegen Fight Them All und die Ostküsten-Jungs von Marksman, mit dem hörbaren Unterschied, dass sie ihr "Demo 2012" in bestechend guter Tonqualität präsentieren. Messerscharfe Gitarren, Riffs satt und aggressiver Gesang. Und dann auch noch dieser letzte Song "Koloryt", der zwar jedes nur erdenkliche Genreklischee bedient, aber eben auch zeigt, warum Hardcore-Punk so verdammt viel Spaß machen kann.


Weltraumraketenabschussbasis:

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Nach Jet Black, The Town of Machine und Mallorys Last Dance gönnten sich Moscha und Jan eine kleine Screamo-Pause und gründeten 2006 ihr gemeinsames Akustikprojekt Weltraumraketenabschussbasis, kurz W.R.A.B. Bewaffnet mit zwei Gitarren und Mikrofone graben sich die beiden durch melancholischen Singer/Songwriter-Rock, der seine Punkwurzeln nicht vollkommen im Verborgenen hält. 2008 debütierten sie mit dem Album "Alles wechmoschen!", welches zehn Songs beherbergt und in Eigenregie auf Vinyl-looked-CDr veröffentlicht wurde. Über Bandcamp erschienen bislang leider nur vier Songs, die aber immerhin als Free Download und mit Lyrics in PDF-Format. Neben der Ankündigung eines neuen Albums (was anscheinend schon so gut wie fertig ist) kann man die beiden auch in einer anderen Band erleben. Mit Phantoms darf's jetzt wieder etwas lauter und kehlkopflastiger zugehen.




Ausschreitung:

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Punkrock soll möglichst roh und unverfälscht sein? Attitüde ist wichtiger als Melodie? Punk soll nicht nur ANTI, sondern anarchistisch sein? Weniger jammern, mehr kotzen? Punkrock heißt, dass die Fäuste auch abseits der Instrumente fliegen? Und vor allem: Punkrock soll nach all dem auch klingen? Ja? Dann könnte das Quartett Ausschreitung aus Lauchhammer vielleicht genau das Richtige für dich sein. Vielleicht...








Außerdem

Mann kackt sich in die Hose:

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Mann kackt sich in die Hose ähneln einem räudigen Straßenköter, den man nicht unbedingt streicheln möchte, mit dem man aber dennoch Mitleid hat. Auf Mitleid können die vier Dortmunder natürlich gut und gerne verzichten, das wollten sie nie. Weder mit The Jim Tablowski Experience, noch mit Die Eule im Bart des Judas und schon gar nicht mit NxD. MKSIDH springen dich einfach an, mitten ins Gesicht und ohne zu fragen, ob dir dass nun gefällt oder nicht. Ein instinktives Biest eben. Nach ihrer "3,5''Floppy Disk Demo" im April und dem "Demotape" im August (jeweils als Spendendownload auf Bandcamp), folgt nun im November ihre erste LP "Karibik"."Neun Songs,[...] die sich kakophonisch und schnell durch Deutschpunk ätzen.", um mich mal meines geistigen Eigentums selbst zu berauben (häh?!), schrieb ich zu ihrem Demotape, dessen neun Songs sich auch auf der LP wiederfinden, wovon bereits drei auf der Floppy Disk waren. Da bin ich anscheinend nicht der einzige, der sich wiederholt. MKSIDH haben damit immerhin alle gängigen Medien ausgeschöpft, bis auf die CD. Hinzu kommen vier neue Songs (Track 2, 7, 9, 12), die sich nahtlos dazwischen mogeln und mit insgesamt ein bisschen mehr als vier Minuten auch gar nicht weiter aufhalten wollen. Macht summa summarum eine Gesamtspielzeit von nur fünfzehn Minuten. Mehr braucht es auch gar nicht für einen kurzen, subversiven und nostalgischen Blick Richtung Rotzkotz (passt nicht nur sinnbildlich, sondern auch ausgesprochen ganz gut zu Mann kackt sich in die Hose). 300 Exemplare wurden auf schwarzem Vinyl gepresst, wovon die ersten hundert mit exklusiven goldfarbenen Siebdruck auf der unbespielten B-Seite kommen. Für das Coverartwork zeichnete sich Sänger und Spastic-Fantastic-Chef Maz höchstpersönlich verantwortlich.


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Rollergirls:

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Hier auf Gerda bereits zweimal angekündigt, nun ist es endlich soweit. Das Darmstädter Trio Rollergirls (mit Mitgliedern von Sarg, Okta Logue und Don Giovannis Super-Ich) ist mit ihrer Debüt-LP am Start. "Satisfied With Less" kommt auf tranparentem Vinyl, beinhaltet einen DLC, ist auf 300 Stück limitiert und erscheint - wie ebenfalls angekündigt - über das benachbarte Label Fear of Heights. Das Artwork des Pappschubers stammt von Druckwelle-Benny. Dass Rollergirls auch musikalisch zu überzeugen wissen, konnte man bereits der vor einem Jahr erschienenen Vorab-EP "Bombs" entnehmen, deren vier Songs (neu eingespielt, inklusive des Tape-Bonustracks "Days") sich nahtlos mit den sechs neuen auf "Satisfied With Less" vermischen. "Snail" hieß damals dieser kleine Hit, der mit Feel-Good-Mentalität zum Midwest-Emo-Revival aufrief. Das Album wird durch das schwungvolle "Idiot" eingeleitet und stellt gleich zu Beginn klar, dass man mit dieser Beschreibung allein nicht sehr weit kommen wird. Die zweite Konstante in der Musik von Rollergirls ist frenetischer Pop-Punk, der mit dem Titelstück oder dem letzten Song "Summer" den plötzlichen Kälteeinbruch noch ungemütlicher erscheinen lässt. Mehrstimmiger Gesang und Feel-Good-Chöre treffen auf fröhlich aufheulende Gitarren, die einzig allein durch einige melancholische Passagen ausgebremst werden, die wiederum aber viel zu kurz(weilig) sind, als dass sie langweilen oder gar nerven könnten. Musik, die Teenieklamotten wie "American Pie" erst aufregend machte, nur dass Rollergirls Songs für derartige Filme eigentlich viel zu schade sind. Auf "Satisfied With Less" lassen sie Hit um Hit in einer Reihe antreten und debütieren somit mit einem Album, dass gänzlich ohne Ausfälle und Lückenfüller auskommt. Und das hat man verdammt selten. Kaufen!


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